zu Pro, With, Contra, till the end und anderen Begrifflichkeiten
Seit einigen Jahren kommen von Tag zu Tag neue sogenannte "Pro"-Foren ins Internet. Oft ist es sehr fraglich, welche Einstellung sie vertreten, und noch öfter wirkt es wie eine Farce, ein Tempel der Selbstanbetung der Administration, die hinter diesem Projekt steckt. Gerade psychisch labile Menschen auf der Suche nach dem Ort, an dem sie reden können, ohne zu etwas gedrängt zu werden, scheinen sich gut ausnehmen zu lassen - und genug Menschen sind gewillt, das auszunutzen. Auch ist es besonders fraglich, ob diese Leute immer geeignet sind, ein Forum zu leiten, in dem sehr private Dinge mitgeteilt werden. Genug junge Menschen nutzen es lieber, dass sie mal der Chef sind, dass Leute auf sie hören - dass sie Regeln aufstellen können. Ob sie abstrus sind oder nicht, darüber wird nicht genug nachgedacht, immerhin meckert keiner darüber.
Da kommt einem beim Lesen von Forentexten, von Regeln und von öffentlichen Texten ab und zu der Gedanke, ob der Autor dieses Textes schon einmal weiter als 10 Sekunden gedacht hat. Von Pflichtwettbewerben ist dort die Rede, eine andere Pflicht sei es, sich alle ein bis zwei Wochen auf der Waage zu fotografieren, um zu beweisen, dass man auch man selbst ist und nicht lügt beim Führen von Ess-, Gewichts-, Sporttagebüchern und anderen völlig sinnlosen Protokollen. Natürlich auch verpflichtend, als Mitkranker muss ich mich schließlich legitimieren - in Zeiten von Fakeaccounts an jeder Ecke reicht es nicht mehr, mich zu bewerben, endlose Wochen damit zu verbringen, mich zu beweisen. Der moderne Pro-Foren-Nutzer legitimiert sich alle zwei Wochen neu, nimmt einmal im Monat an einem Wettbewerb teil, um seiner gedanklichen Hölle noch den Faktor "gewinnen" hinzuzufügen.
Sich übergeben ist das neue Hungern, Hungern ist gesünder als Kotzen, sich Schneiden ist Ausdruck der Individualität. Zugegeben, solche "Tattoos" hat kaum jemand, doch die Frage sollte vielmehr sein, ist das eine Ausrede, um abzulenken vom eigentlichen Problem, oder bewegen wir uns doch darauf zu, dass "Pro Ana" und "Pro Mia" Diäten und SvV Körperschmuck wird? Und welchen Sinn hat es, sich außerhalb seiner psychischen Probleme die moderne Form der Sklaverei namens "Pro"-Forum mit diversen Pflichtveranstaltungen anzunehmen?
Aber doch sind alle Foren gegen "till the end". Egal wie destruktiv sie auf die Mitglieder einwirken.
Im Ernstfall sind sie dann doch nicht da, immerhin wird man meist mindestens für gewisse Bereiche
gesperrt. Genau dann, wenn man sie eigentlich braucht, weil man sich zwangsläufig viel damit
auseinander setzt, weil man kämpfen muss, um den Tag zu überstehen. Dann wird man ausgeschlossen
aus den exquisiten Gesellschaften, in denen einem das schöne Leben versprochen wurde. In denen
man doch gemeinsam um dieses Leben kämpfen durfte. Man darf nur nie zu weit gehen - doch wie soll
man genau das verhindern? Wir sind krank! Das ist keine abstruse Diät aus einer Zeitschrift, das
war kein Tipp zum Stressabbau. Es ist das wahre Leben und wir können uns nicht raussuchen, wie
das bei anderen zu enden hat.
Wir müssen uns langsam eingestehen, dass psychische Störungen zum Tode führen können.
Ob durch die eigene Hand oder durch andere Umstände. Und wir können nicht einfach wegsehen,
weil uns das, was wir sehen, nicht gefällt.
Die Frage, die letztendlich überbleibt, ist wohl die, weswegen wir alles betiteln müssen. Alles muss eine passende Bezeichnung haben, die wiederrum für jeden Menschen eine eigene Bedeutung hat. Was bringt ein Begriff ohne eine Definition? Letztendlich ist "Pro", ist "With", ist selbst "Contra" für jeden etwas anderes.
